Als ich an diesem Morgen aufwachte, zitterten meine Hände so sehr, dass ich fast das Glas Wasser verschüttet hätte. Nur ein Arzttermin, sagte ich mir. Nur ein Gespräch. Doch tief in mir wusste ich, dass es viel mehr war. Es war ein Schritt hin zu mir selbst. Draußen war es kalt. Mein Atem stieg als kleine Wolken in die Luft, während ich den Schal enger um meinen Hals zog – als könnte er mich vor den Blicken und Gedanken der anderen schützen. Vor der Tür der Praxis blieb ich stehen. Der Geruch, das Schild, die Menschen hinter dem Glas – alles fühlte sich wie eine Prüfung an.
„Guten Morgen, Mila?“ Die Stimme der Arzthelferin war freundlich, doch ihr Blick huschte kurz über mein Gesicht. Sie sieht es. Jeder sieht es. Die Worte rauschten in meinem Kopf. Ich nannte meinen Namen. Nicht den, der noch in den Dokumenten stand – meinen Namen. Im Wartezimmer saßen viele Menschen, doch ich fühlte mich allein. Meine Gedanken wanderten zu den Tagen zurück, an denen ich mein Spiegelbild nicht ansehen konnte. Als ich mir fremd war. Als ich dachte, es wäre einfacher, unsichtbar zu bleiben. Dann öffnete sich die Tür. „Frau Miller?“ Zum ersten Mal hörte ich Frau aus dem Mund eines Fremden. Mein Herz klopfte so laut, dass ich Angst hatte, jemand könnte es hören. Ich stand auf – vorsichtig, aber entschlossen. Der Arzt sah mich ruhig an, seine Stimme warm. „Was kann ich für Sie tun?“ Ich spürte, wie mir die Worte schwer wurden. Doch ich sagte sie, mit zitternder Stimme: „Ich möchte Hilfe dabei… ich selbst zu sein.“ Er schwieg kurz. Dann lächelte er. Kein Mitleid, sondern Verständnis. „Sie sind bereits auf dem richtigen Weg“, sagte er. „Wir gehen ihn gemeinsam.“ In diesem Moment stiegen Tränen in meine Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit waren es keine Tränen der Angst, sondern der Erleichterung. Ich war nicht mehr unsichtbar. Nicht mehr allein. Als ich später die Praxis verließ, schien der Tag heller als zuvor. Eigentlich hatte sich nichts verändert – und doch war alles anders. Der Weg vor mir war lang, steinig und voller Hürden. Aber er gehörte mir.
Mit jedem Schritt fühlte ich mich weniger wie jemand, der nur kämpft – und mehr wie jemand, der endlich lebt.
Liebe Grüße eure Mila