Haltestelle Udet-Haus

Matze Schmidt Fuldatal, Germany

Haltestelle Udet-Haus

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Description

Haltestelle Udet-Haus in Anführungszeichen

Wir sammeln Geld für eine Postkartenaktion in Kassel.

Damit wird eine Demystifikation des Nazis Ernst Udet und eine „wandernde" Geschichtsschreibung in Form von Bild + Text probiert.

Spender*innen und Spendern schicken wir ein Kontingent von 10 Postkarten zu.

Kontakt: [email protected]

In Kassel im Industriegebiet West im Stadtteil Waldau wird an Ernst Udet, den „Flieger”, mit einer Bushaltestelle namens „Udet-Haus” erinnert. Die Haltestelle, unterhalten von den Verkehrsbetrieben KVG, in Höhe der Falderbaumstr. 7c, wirkt unscheinbar und unerkannt. Ihre Architektur stammt vermutlich aus den späten 1970er/frühen1980er Jahren. Es geht hier darum um das Unscheinbare, das jedoch um so mehr er-scheint, als es einer vermeintlichen Unsichtbarkeit unterliegt.

Die Postkarten im Format DIN A 6, mit der Auflage von mindestens 2.000 Stück werden im Stadtgebiet an Orten wie politischen Statdteilläden, Kulturzentren, Veranstaltungsorten verteilt und an Interessierte weitergegeben.

Auf diese Weise wandert eine erste Information über den Kontext und die Situation der Haltestelle und die Geschichte Udets, der Haltestelle und der "ortsspezifischen" Geschichtsschreibung.

Die Vorderseite wird einen größeren Ausschnitt der Kampagnenfotografie zeigen (die Haltestelle), die Rückseite den folgenden, einordnenden Text (siehe unten) in komprimierter Version. Der Text ist auch in einer PDF-Datei erhältlich, die wir gerne auf Anfrage zumailen.

Sehenden Auges

Die „Haltestelle Udet-Haus”

Matze Schmidt

Wenn man sich eine Archäologie der näheren Vergangenheit vorstellt, könnte sie vielleicht verdrängte und doch offensichtliche Artefakte „ausgraben” und freilegen dort, wo sie ins Auge springen müssten, es aber nicht tun. Dieser Artikel kann das in seiner Kürze nicht leisten, aber Hinweise geben auf einen solchen Ort.

In Kassel im Industriegebiet West im Stadtteil Waldau wird an Ernst Udet, den „Flieger”, mit einer Bushaltestelle namens „Udet-Haus” erinnert. Die Haltestelle, unterhalten von den Verkehrsbetrieben KVG, in Höhe der Falderbaumstr. 7c, wirkt unscheinbar und unerkannt. Ihre Architektur stammt vermutlich aus den späten 1970er/frühen1980er Jahren. Es geht hier darum um das Unscheinbare, das jedoch um so mehr er-scheint, als es einer vermeintlichen Unsichtbarkeit unterliegt.

Der Nazi Udet, alkohol- und drogenabhängig, wurde u.a. mit dem Film S.O.S. Eisberg von 1932/1933, mit Leni Riefenstahl in einer Hauptrolle, und in dem Film Wunder des Fliegens von 1935 als deutscher Star bestätigt. Krieg, Film und Emotion werden hier mit der persona Udet, dem Kriegshelden zu einem Drama verdichtet, Wirklichkeit und Fiktion ästhetisch vermengt. Noch Carl Zuckmayer arbeitete sich 1946 in seinem Drama Des Teufels General an Ernst Udet ab.

Nachdem Udet 1941 zur Selbsttötung gedrängt wurde, übernahm Albert Speer den Sektor der Luftwaffen-Rüstung, mit dem Udet überfordert war. Im Technischen Museum in Berlin am Landwehrkanal ist Udets Minibar aus einem seiner Flugzeuge ausgestellt, geschichtlich mehr als fragwürdig präsentiert. Bei alldem ist es wichtig, mit zu bedenken, dass erklärtes Programm Nazi-Deutschlands die Ästhetisierung des Alltags und des Politischen war. Ernst Udet gehört an dieser Stelle in eine Reihe mit Manfred Freiherr von Richthofen, Hermann Göring und irgendwann weiter hinten auch Gerhard Fieseler – realen Tätern und doch auch mythologischen Figuren der deutschen Geschichte.

Fieseler ist insofern eine Schlüsselfigur, weil die besagte Haltstelle am Rande des ehemaligen Flugplatzes Kassel-Waldau liegt, den auch prominent die Fiesler-Werke für Flugzeugbau als Werksflugplatz nutzten. Fieseler als Fliegerheld und Rüstungsindustrieller kannte den Generalluftzeugmeister Udet, beide sind heute noch in der Stadt und darüber hinaus präsent. Fieseler auf dem Hautpfriedhof, mit einem grotesk monumentalen Grabstein, Udet mit eben jener Haltstelle und nicht zuletzt in einer nunmehr geschlossenen dilettantischen Ausstellung im so genannten „Fliegerhost” im Industriegebiet in Rothwesten, nördlich von Kassel. Denn auch dort war in eine Karte ein „Udet-Haus” eingezeichnet.

Zurück zum Industriegebiet in Waldau: „Udet-Haus” war die Bezeichnung für das Gebäude, das auf dem Flugplatz Waldau einem Flughafengebäude am nächsten kam. Es stand ganz in der Nähe der Falderbaumstraße und wurde nach 1945 bis 1952 von der amerikanischen Armee genutzt. Albert Falderbaum, nach dem die Straße benannt wurde, war übrigens ebenfalls ein später Pilot der Luftwaffe und nicht allein „deutscher Kunstflieger”, wie z.B. auf Wikipedia behauptet wird. Auch Udet haftet noch immer diese nur halb-wahre und damit falsche Bezeichnung an.

Es macht mit Einschränkungen Sinn, sich nochmal zu vergegenwärtigen, dass Udet als hochrangiger Soldat und Repräsentant des nationalsozialistischen Regimes am Vernichtungskrieg in Osteuropa und an der Ermordung von Juden, Sinti und Roma führend beteiligt war, an der Vernichtung von Kommunisten und Demokraten, dem politischen Gegner der Nazis. Udet war eine mit-entscheidende Figur des eliminatorischen Faschismus des NS-Staates und Täter. Eine Bushaltestelle mit seinem Namen ist darum als ästhetisches Artefakt falscher Geschichtschreibung zu werten.

Es erscheint müßig, doch vor dem Hintergrund des aktuellen Geschichtsrevisionismus (erwähnt sei hier Christopher Clark und seine These der bloßen Teilschuld Deutschlands am „Ersten Weltkrieg”, der zur Folge dann den „Zweiten” hatte) und der Morde des „NSU” geboten, sich zudem zu verdeutlichen, was es bedeutet, einem Nazi einen überalterten Platz in der Geschichtsschreibung im öffentlichen Raum zuzugestehen.

Mit Namen sind Persönlichkeiten gemeint. Eine Namensnennung ist Programm. Und in diesem Fall wird das Programm des Nazismus, zumindest das seiner prominenten Figuren und ihrer Taten fortgeschrieben. Ich denke nicht, dass das Löschen des Namens und der Abbau der Namensnennung Udets an der Falderbaumstraße helfen würden, diese verschleppte und somit unkritisch reproduzierte Geschichte des Nazismus aufzubrechen.

Ähnlich wie mit dem Counter-Denkmal des Aschrottbrunnens vor dem Rathaus der Stadt Kassel von Horst Hoheisel und Andreas Knitz, könnte aber eine Form gefunden werden, die zweierlei leistet, nämlich: Die jahrelange Unbestimmtheit und historische Verdrängung durch Ausstellung der Figur des Nationalsozialisten Udet und wofür er steht (seine Signifikation, seine Präsenz) zu markieren. Und, das negative Denkmal, das zweifellos mit der Haltestelle seine Wirklichkeit hatte und hat, umzudeuten. Signifikation also, Neubezeichnung - nicht, um „wieder gut zu machen” und die falsche durch eine richtige, bessere Erzählung einfach nur zu ersetzen, sondern den Bruch mit dem Kontinuum der nationalsozialistischen Geschichte und seiner Verfehlung selbst zu thematisieren.

Die Haltestelle könnte nach dem umbenannt werden, was sie historisch un/wahr[1] ist, in „Haltestelle Udet-Haus” in Anführungszeichen!

Text und Bild könnten an jenem Ort, an dieser nunmehr selbst geschichtlich gewordenen Haltestellte, die zu erhalten wäre, die Täter Udet, Falderbaum, Fieseler sowie Göring und weitere benennen und in einen Kontext der Historie von Verbrechen stellen. Dieses kann auch beispielsweise aktiv in Form von überall im Stadtgebiet verteilbaren Postkarten geschehen, mit dem zusätzlichen Angebot von kritischen Stadtführungen zum Ort. Beides würde die Kommune und ihre Institutionen in die Verantwortung nehmen, diese doppelte Geschichte zu zeigen.

Die Geschichte ist eine doppelte, weil sie eine Zu- und Fortschreibung war. Einmal des Nazismus selbst, und einmal die seiner „unaufgearbeiten” Jahre danach. 1933 bis 1945 und ab 1945 bis heute. Die der verstetigten, unreflektierten Namensnennung eben. Die offizielle Stadt Kassel hätte die vergleichsweise günstigen Mittel dazu.

Ich würde die Haltestelle als Verdrängung durch Ausstellung bezeichnen, weil dem Namen Udet wie selbstverständlich ein Verkehrspunkt zugeschrieben wurde, mit dem der „Held” ausgestellt wurde, um ihn – ALS Nazi – einzureihen in die Namen jeglicher beliebiger anderer Straßen, Plätze und Haltestellen. Der Verbrecher Udet wurde, so kann eine Theorie der Erinnerung und Speicherung hier hilfreich sein, in den Stadtraum hinein vergessen, indem er signifikant wurde und sein Name egalisiert worden ist. Er erhielt eine falsche Repräsentanz. Denn Udet repräsentierte somit als Toter noch immer den Nazismus.

Man kann sich den Stadtraum wie einen Speicher vorstellen, in den hinein Bedeutungen und Spuren eingeschrieben werden, die erst dann zum Tragen kommen, wenn sie ausgedeutet, oder „gelesen” werden. Das sind manchmal schwer erkennbare Bedeutungen, manchmal aber signifikante <bezeichnete> Stellen. Sie sind mehr oder weniger jederzeit um-schreibar, können neu „geschrieben” werden.

Eine solche Stelle ist diese Haltestelle. Sie kann auf eine Weise neu so in die Stadt eingeschrieben werden, dass sie nicht mehr „sehenden Auges”, das heißt wissentlich geschichtslos bleibt. Obwohl mit ihr Geschichte geschrieben wurde.

[1] Dieser Schrägstrich mitten im Wort ist kein bloßer literarischer (linguistischer, das heißt sprachlogischer) Trick. Weder sind mit ihm wahr und unwahr einer Sache relativiert, noch sind beide Urteile aufgehoben. Er markiert, dass das wahre Moment einer Sache immer wieder neu herausgearbeitet werden muss und nicht selbstredend zu haben ist, weil es mit der Unwahrheit in Beziehung steht.

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Matze Schmidt
Fuldatal, Germany
31. May 2024
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