Im bosnischen Kanton Una-Sana an der Außengrenze der EU passiert eine humanitäre Katastrophe. Nicht seit kurzer Zeit, sondern seit Jahren. Die EU-Grenzpolitik stürzt tausende Menschen ins Elend und tötet. Die Corona-Pandemie hat die Situation der Geflüchteten verschlimmert und ihr Elend noch weiter aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängt. Für viele der obdachlosen Geflüchteten geht es im kommenden Winter ums Überleben.
Eure Spende kann das Leid vor Ort wenigstens kurzfristig mindern. Eure Spenden kommen direkt bei den wenigen noch verbliebenen Helfer*innen und den Geflüchteten an. Wir wollen nicht wegschauen und uns nicht daran gewöhnen, dass die Werte der Europäischen Union verraten werden, dass der Bruch von europäischem Recht an den Außengrenzen zur Normalität wird. Als Kölner Spendenkonvoi möchten wir zum Jahreswechsel selbst nach Bosnien-Herzegovina fahren, um die Helfer*innen vor Ort bei der Versorgung der Geflüchteten zu unterstützen.
Weitere Informationen zu uns und unserer Arbeit findet Ihr unter: www.koelner-spendenkonvoi.de
Seit Jahren verschlimmert sich die Situation im Kanton Una-Sana
Im bosnischen Kanton Una-Sana an der Grenze zu Kroatien verschlimmert sich die Lage geflüchteter Menschen seit Jahren. Seit ungefähr drei Jahren stranden immer mehr Menschen in der Region an der Außengrenze der EU ohne Aussicht auf Weiterkommen und ohne Perspektive in Bosnien-Herzegovina. Offizielle Schätzungen gehen von 9000 Personen aus, wobei die Dunkelziffer weitaus höher sein dürfte. Während die Zahl der Geflüchteten stetig ansteigt, wurden die Kapazitäten der offiziellen Lager nicht ausgebaut. Es ist für die Geflüchteten beinahe unmöglich geworden, einen Platz in den offiziellen Camps zu erhalten. Sie müssen in leerstehenden Häusern, Ruinen oder in verwaisten Tierställen Unterschlupf finden.
Die „Behausungen“ sind meist in katastrophalen Zuständen. Die Orte sind trotz der kalten Minustemperaturen meist nicht beheizbar und zudem nass. Decken und warme Kleidung sind häufig nicht vorhanden. Dies führt in Kombination mit der fehlenden medizinischen Versorgung, der mangelnden Ernährung und den flächendeckenden Erkrankungen – wie der überall präsenten Krätze – zu besorgniserregenden Gesundheitszuständen. Die provisorischen Unterschlupfe sind meist weit verstreut, was die Unterstützung durch die wenigen Helfer*innen vor Ort zusätzlich erschwert.
Immer wieder versuchen die Geflüchteten in Gruppen über die Grenze nach Kroatien und dann nach Italien zu gelangen. Der Großteil wird gefasst und wieder zurück über die Grenze nach Bosnien-Herzegovina gebracht. Diese sogenannten „Push-Backs“ sind illegal! Journalisten und Menschenrechtsorganisationen dokumentieren die massiven Misshandlungen durch kroatische Sicherheitsbehörden. Diese zwingen die Geflüchteten ihre Schuhe, das Handy oder ihre Anziehsachen auszuziehen, sie werden geschlagen und dann zurück über die Grenze gebracht. Dabei verstößt die kroatische Regierung gegen unzählige Artikel des Völkerrechts und der Menschenrechte. Ein faires Asylverfahren mit Eintritt in die EU wird den Geflüchteten verwehrt!
Die Folgen der CoViD19-Pandemie für die Menschen vor Ort
Wenn wir schon bei unserer letzten Spendenfahrt zum Jahreswechsel 2020 von den Verhältnissen schockiert waren, hat sich die Situation mit der Corona-Pandemie nun abermals dramatisch verschlechtert. Wir sind im ständigen Kontakt mit den Helferinnen und Helfern an der bosnisch-kroatischen Grenze, die wir in Velika Kladuša und Bihać kennen gelernt haben.
Die offiziellen Lager in Bosnien-Herzegovina waren schon während unseres Besuchs im Januar 2020 überfüllt und Hunderte gezwungen, in leerstehenden Häusern, Zelten und Ruinen zu überleben. Durch die rasant ansteigende Zahl der Geflüchtete ist die Situation zur Katastrophe geworden. Die fehlende internationale Hilfe zeigt sich schon jetzt in immer größer werdenden Engpässen bei der Versorgung mit den nötigsten Lebensmitteln. Es kommt zu Auseinandersetzungen um das Wenige, das die Helfenden zur Verfügung stellen können.
Es werden Unterkünfte für Geflüchtete geschlossen und kaum neue aufgebaut, was dazu führt, dass viele Geflüchtete auf der Straße, in Zelten im Wald, in alten Fabrikgebäuden oder –hallen leben müssen. Selbst das neu erbaute, völlig überfüllte und zu kleine Camp der Internationalen Organisation für Migration in Lipa ist nur für den Sommer und für den Schutz vor der Corona-Pandemie gedacht. Keine dieser Option hält den bald kommenden Winter stand!
Selbst Trinkwasser ist knapp. Öffentliche Wasserhähne mit Trinkwasser werden abgesperrt. Viele Geflüchtete sind gezwungen, sich aus den schmutzigen Abwasserflüssen zu bedienen. Durch die verhängte Corona-Ausgangsbeschränkung in Bosnien-Herzegovina gibt es keine offiziellen Möglichkeiten mehr, den Menschen zu helfen.
Die Ausgangssperren, die Lebensmittelknappheit und das Fehlen von Einkünften treffen schon die bosnische Bevölkerung hart. Für die wenigen Helfer*innen wird die Arbeit so an vielen Stellen fast unmöglich und wenn sie es doch schaffen zu helfen, begeben sie sich häufig persönlich in Gefahr von örtlichen Behörden kriminalisiert zu werden und natürlich auch in Ansteckungsgefahr. Trotzdem versuchen sie mit ihren Mitteln, die Not zu lindern.
Und sie nehmen diese Gefahr auf sich, weil sie leider alternativlos ist. Praktisch alle internationalen Helfenden und Journalisten haben das Land verlassen und sind wieder in Ihrer Heimat. Die schier unlösbare Aufgabe zu helfen und so teilweise das Überleben der Menschen zu sichern, lastet nun vollständig auf den Schultern dieser wenigen Privatpersonen.
Die Stimmung in der Bevölkerung wird immer feindseliger
Die Ressentiments der Bevölkerung gegenüber den Geflüchteten, die wir schon im vergangenen Jahr schmerzhaft wahrnehmen mussten, haben sich jetzt nochmal vervielfacht. Im November finden dieses Jahr in ganz Bosnien-Herzegovina Lokalwahlen statt und die Verbreitung von Angst vor den Geflüchteten, die als Verbrecher und Räuber dargestellt werden, ist eines der zentralen Themen der Wahlen. Die Politiker nehmen die Stimmung aus der Bevölkerung auf und befeuern diese sogar noch.
Der Bürgermeister von Bihać macht die Geflüchteten für die Verbreitung des Virus mitverantwortlich. In einem Facebook-Video sagt er: „Das Problem ist, dass zweitausend Migranten frei durch die Stadt laufen und die Anordnungen nicht ernst nehmen.“ Er sagt, wenn ihnen niemand helfe, dann werden sie das Problem auf eigene Faust lösen.
Auf Internetseiten hetzen rechte Gruppen gegen die Geflüchteten, an einigen Supermärkten in Bihać hängen nun Schilder, auf denen steht: Keine Migranten erlaubt. Auf Facebook werden Gruppen gegründet, in denen Milizen die Jagd auf Geflüchtete organisiert wird. Die Berichte von brutalen Misshandlungen durch Bosnier häufen sich. Eine Helferin aus Bihać berichtet uns im September von Jagden auf Geflüchtete: „Sie sind überall in der Stadt mit Minibussen und Motorrädern und jagen Migranten, sie holen sie aus den Geschäften und schlagen sie mit Stöcken.“ In Velika Kladuša wurde mehrere Nächte lang eine Hauptstraße blockiert. Einheimische hielten alle ankommenden Busse auf und durchsuchten sie nach Migranten. Diese wurden dann nach draußen gezehrt und gezwungen, in die Richtung zurückzulaufen, aus der sie gekommen waren.
Die Arbeit der Helfenden vor Ort wird immer schwieriger
Auch die Helfer*innen sind massiven Gewaltandrohungen ausgesetzt. Sie werden mit vollem Namen auf Facebook genannt und bedroht. Mitte September wurde die Menschenrechtsaktivistin Zehida Bihorac in ihrem Auto verfolgt und gewalttätig bedroht. Von den bosnischen Sicherheitsbehörden können die Helfenden kaum Schutz erwarten. Die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer*innen wird systematisch kriminalisiert. Helfer*innen berichten, dass, sollten sie erwischt werden wie sie Kleidung, Schlafsäcke oder Zelte an die Geflüchteten verteilen, bis zu 50 Euro zahlen und internationale Helfer auch für zwei Tage das Land verlassen müssen. Eine Helferin aus Bihać, die dort eine Pension betreibt, schreibt uns Ende August: „Es wird zu einem Kampf um mein Überleben. Um Mitternacht am 25. August ist die Polizei in mein Haus eingebrochen für eine ‚reguläre‘ Inspektion. Sie waren brutal, haben den privaten Teil meines Hauses durchwühlt ohne einen Durchsuchungsbeschluss und auch die Gästewohnungen.“
Mit Euren Spenden unterstützen wir die Geflüchteten und die Arbeit der Helfenden vor Ort
Eure Spendengelder kommen direkt bei den geflüchteten Menschen und den ehrenamtlichen Helfer*innen in Bosnien an. Wir setzen unsere Gelder dort ein, wo es kaum oder gar keine staatliche Unterstützung gibt. Dazu arbeiten wir mit einem Netzwerk von lokalen Helferinnen und Helfern in Bihać und Velika Kladuša zusammen. Die Helfer*innen vor Ort haben den besten Überblick, wie die Spendengelder am besten eingesetzt werden können. Sie kennen die Lage vor Ort und sind in ständigem Kontakt mit den Geflüchteten. Dabei geht es für die geflüchteten Menschen insbesondere jetzt im Winter meist ums nackte Überleben. Mit den Spenden können Nahrungsmittel, Kleidung, Medikamente, Verbandsmaterial und auch Öfen und Isolationsmaterial gekauft werden, um die provisorischen Unterkünfte in oft verlassenen, baufälligen Häusern oder in Industrieruinen einigermaßen winterfest zu machen.
Die Helferinnen und Helfer sind auf Unterstützung durch Spendengelder angewiesen. Sie arbeiten an der Belastungsgrenze und oft darüber hinaus. Der Druck auf die Helfer*innen steigt für viele ins Unerträgliche. Sie benötigen unsere Unterstützung!
Zum Jahreswechsel planen wir dieses Jahr wieder eine Spendenfahrt nach Bosnien-Herzegovina. In den Tagen, die wir vor Ort verbringen, versuchen wir die Helfer*innen auch in ihrer alltäglichen Arbeit zu entlasten, indem wir für sie zum Beispiel Einkäufe übernehmen, Essenspakete packen, Kleidung sortieren und verteilen und die Geflüchteten in ihren Unterkünften aufsuchen. Wir werden über unsere Fahrt berichten und nach Abschluss einen Bericht über die Verwendung der Spendengelder erstellen. Einen ausführlichen Bericht über unsere Fahrt zum Jahreswechsel 2019/2020 und die Verwendung der Spendengelder findet ihr hier.
Vielen Dank für Eure Spende und Unterstützung!