Frohe Weihnachten
Robert Hoppe · 20.12.2020
03. September 2020. Auf der Baustelle läuft alles, dass Wetter ist super und die Laune sowieso. Die letzte Spätschicht vor dem langen Wochenende. Morgen kommt meine Tochter nach der Schule und wird das Wochenende bei uns verbringen. Ich freu mich.
Einweisung zu Schichtbeginn:
„Robert und Eric, ihr nehmt den Vito.“
Wir rüsten unser Auto auf, einigen uns noch ein paar Vorgänge wegzuschreiben und dann geht’s los.
„Wo möchtest du hin?“
„Im Funk war zu hören, dass eine Besatzung im Osten unterwegs ist. Lass uns südlich fahren“
Typischer Donnerstagnachmittag, der Funk ist ruhig, wir können uns auf den Verkehr konzentrieren. Einige Sachverhalte und Verkehrskontrollen später, in zwei Stunden ist Feierabend.
Am Wochenende werden wir mit den Kindern nochmal Baden fahren. Während der Bauphase kam die Familie ohnehin viel zu kurz.
„Lass uns mal das Moped dort kontrollieren. Der guckt schon so aufgeregt in den Rückspiegel.“
Kaum die Kontrolle beendet, fährt schon das nächste Moped bereitwillig in unsere Richtung. Den nehmen wir gleich noch mit. Während dieser Kontrolle, ist irgendwo in der Ortslage ein weiteres Moped zu hören. Offensichtlich viel zu laut. Naja, man kann nicht überall sein. Die Maßnahme ist beendet und das Telefon Klingelt. Robert nimmt einen Auftrag für uns entgegen. Ich höre sich das vermeintlich zu laute Moped unserer Position nähern.
„Schaffen wir den einen noch?“
Mein Kollege leitet die Zeitfrage am Telefon weiter und nickt ab. Das Moped fährt weiterhin hörbar in unsere Richtung. Ich schnappe mir die Kelle, schalte das Licht der Vollständigkeit halber ein und begebe mich auf die Gegenfahrbahn der wenig befahrenen Straße. Das Moped kommt durch eine Rechtskurve auf mich zu und der Fahrer wird mich auf der Gegenfahrbahn als erstes sehen. Das Moped kommt um die Kurve und der Fahrer geht direkt vollständig vom Gas.
Alles klar, er hat mich gesehen. Zeitgleich betritt Robert versetzt vor mir die Straße und signalisiert ebenfalls das Anhalten. Das Moped rollt weiter in Richtung Robert aus.
„Der hat garantiert wieder ordentlich gebastelt, so laut wie die Karre ist!“ denke ich mir so.
„Was macht er denn jetzt?!“
„Hey, stehen bleiben!“ höre ich meinen Kollegen noch brüllen. Der Fahrer gibt Vollgas, fährt an Robert vorbei und kommt direkt auf mich zu. Ich versuche mich seitlich wegzubewegen. Chancenlos! Ein lauter Knall und es war dunkel.
In Rückenlage auf der Straße komme ich langsam wieder zu mir. Der ganze Körper vibriert. Was war das denn? Robert ganz aufgeregt neben mir, funkt nach Verstärkung und Notarzt.
„Beamter verletzt am Boden“. Dann höre ich wieder,
„Hey, stehen bleiben, Polizei.“
Der Versuch mich umzudrehen um zu sehen wo Robert hinläuft scheitert. Auch aufstehen ist mir nicht möglich. Mein Körper reagiert nicht auf Bewegungsversuche. Ein Ersthelfer an meiner rechten Seite der meinen Kopf hält und mich beruhigt. Unangenehme Situation, wenn man hilflos am Boden liegt und eine geladene Waffe bei sich führt. Jetzt lässt die erste Schockphase nach und ich versuche nach und nach meine Gelenke zu bewegen. Kopf und Hals scheinen in Ordnung. Arme und Hände machen auch soweit mit. Linkes Bein… der Fuß befindet sich in einer unnatürlichen Position. Der Schmerz lässt nicht lange auf sich warten. Es wird schnell unerträglich. Ich möchte gar nicht sehen wie es unter dem Hosenbein aussieht. Da kommen auch schon die Kollegen hinzu. Einige sperren ab und sichern die Unfallstelle, die anderen kümmern sich um den Mopedfahrer und sehen nach mir. Ich bin irgendwie erleichtert, da mein Streifenpartner jetzt nicht mehr allein dasteht. Robert weicht mir jetzt nicht mehr von der Seite.
„Mach dir keinen Kopf. Die flicken dich schon wieder zusammen“ versucht er locker auf mich einzureden. Doch die sonst so gesunde Hautfarbe, hatte auch sein Gesicht verlassen. Die Gedanken kreisen um meine Familie, meine Tochter die morgen nach der Schule zu ihrem Papa möchte. Die Schmerzen werden jetzt so stark, dass ich merke wie der Körper abschalten will. „Ich kann nicht mehr.“ bekomme ich noch raus. „Du bleibst jetzt wach!“ werde ich angebrüllt. Aber die Augen gehen zu. So sehr ich mich auch bemühe, weder antworten noch die Augen öffnen ist möglich. Ein heftiges rütteln bringt mich zeitversetzt dazu die Augen zu öffnen. Die Folgeschicht ist mittlerweile eingetroffen. Eine Kollegin begrüßt mich und redet gleichzeitig beruhigend auf mich ein. Immer wieder wollen die Augen zu gehen. Rettungsdienst und Notarzt sind jetzt auch da. „Hubschrauber“ und „Dresden“ nehme ich noch wahr. Danach nur noch einzelne Bilder, mal mit, mal ohne Ton…
Liebe Familie, Liebe Freunde, Liebe Kollegen/Liebe Blaulichtfamilie und all Ihr großherzigen Spender da draußen!
Nun mal eine Meldung von mir persönlich.
Ich könnte den vorangegangen Text noch etwas fortsetzen, bezüglich der Zeit in der ITS, später auf Station und letztendlich bei der Reha. Aber ich möchte ja kein Buch schreiben.
Mein Anliegen ist es Euch allen auf diesem Wege dafür zu danken, was Ihr großartiges für uns getan habt. Dank Euch, dieser Großherzigen Gemeinschaft, kann meine Familie in unser gemeinsames neues, schönes Zuhause ziehen und ich musste mir in der ganzen Zeit relativ wenig Gedanken machen, wie es weiter gehen soll. Es gibt mit Sicherheit einige von euch die versucht haben mich bei Facebook und Co. zu finden und schnell gemerkt haben, dass ich in sozialen Netzwerken nicht verkehre. Umso mehr bin ich von diesem riesigen Zusammenhalt da Draußen begeistert. Ich habe mir von Hamburg bis Wien jede einzelne Nachricht durchgelesen und muss euch sagen… Ich hab in meinem Leben noch nie so viele Tränen vergossen.
Wahnsinn!
Genauso gilt der Dank, den vielen hilfsbereiten Menschen aus Familie und Freundeskreis, welche durch ihren körperlichen Einsatz auf der Baustelle weiter gemacht haben, wo ich aufhören musste. Auch ohne sie wäre das Alles unmöglich gewesen. Nun würde es den Rahmen sprengen jeden einzelnen zu erwähnen, aber um einige Namen komme ich nicht Drumherum.
Ich möchte beginnen mit Heike und Dietmar, den Eltern meiner Lebensgefährtin, welche schon vor, sowie nach dem Unfall ALLES gegeben haben um unseren Traum zu ermöglichen.
Mein Bester Christian, der trotz eigener Familie nach allen drei Schichten auf der Baustelle geholfen hat wo er konnte und unermüdlich weiter plant, macht und tut.
In der Uni Klinik Dresden, Pfleger Uwe (Lockenmähne), welcher mich aus manch misslicher Lage befreit hat und immer einen lockeren Spruch hatte.
Pfleger Christian, welcher die gleiche Liebe zu Motorrädern teilt und ebenfalls stets für ein Lächeln gesorgt hat.
Meine gute Fee Schwester Evi, welche sich nicht nur super um mich gekümmert hat, sondern auch noch nach dem Dienst meiner Lebensgefährtin als Seelsorger zur Verfügung stand.
Trotz chronischer Unterbesetzung, Stress und Corona hat man diesen drei Menschen angemerkt, dass sie mit Leib und Seele in ihrem Beruf arbeiten. Ihr seid Weltklasse, weiter so!
Ebenfalls einen großen Dank an meine Dienstärztin, welche uns als erstes die Sorge um die berufliche Zukunft ausredete und sich im weiteren Verlauf um alles Notwendige kümmerte, dass es mit der Weiterbehandlung voran geht.
Eine fehlt noch!
Mein Rienchen! Die Frau, die ab dem ersten Tag stets an meiner Seite war, im Sitzen neben mir geschlafen hat, mich mehr gepflegt hat wie so manches Personal und gerade in den acht Wochen Krankenhaus, meine Launen ertragen hat und mit mir buchstäblich durch die Hölle gegangen ist. Ganz nebenbei war sie noch Mutter, Hausfrau und irgendwie auch Bauherrin.
ICH LIEBE DICH
In dem Zusammenhang gehört auch Frau Häse, die Chefin meiner Lebensgefährtin erwähnt, welche sie völlig selbstverständlich die erste Zeit von der Arbeit freigestellt und uns damit sehr geholfen hat.
Unbekannterweise, Vielen Dank.
„Nicht nur ein Kollege… ein Freund!“
Das sind die Worte unter der ersten Spende. Die Worte eines Mannes, der einen verdammt guten Job gemacht hat!
Ein Streifenpartner, den man sich nur wünschen kann!
Ein Freund, mit einem ganz großen Herz!
Ein Freund, den ich nicht missen möchte!
Ohne dich mein lieber Robert, wäre all das undenkbar gewesen.
Angefangen mit deinem sicheren, schnellen Handeln am Unfallort, was mir mit Sicherheit weiteres erspart hat. Über deine großherzige Aktion hier im Netz. Auf so eine Idee wäre ich gar nicht gekommen. Weiter mit deinen Besuchen, bei denen du mir immer wieder Mut zugesprochen und die Zukunftsangst genommen hast. Bis hin zu deiner Einsatzbereitschaft auf unserer Baustelle.
Ich bin dir ewig zu Dank verpflichtet und hoffe, dass wir schon bald wieder gemeinsam, Seite an Seite unseren Dienst antreten dürfen.
DANKE!
Nochmal fix zu meiner Person:
Mein Bein ist insofern stabil, dass ich mich wenige Meter freihändig, Größtenteils jedoch noch mit Krücken, fortbewegen kann. Zum Fuß hin wurden zwei wichtige Nerven durchtrennt, in Folge dessen er wenig Gefühl hat und nur eingeschränkt bewegungsfähig ist. Ob und wieweit sich das wieder erholt, steht in den Sternen. Aber wer mich kennt weiß, ich bleib dran! ;-)
Für den Mopedfahrer (und alle anderen Verkehrsteilnehmer)!
Ich weiß nicht ob er das liest, oder ihn hier jemand kennt. Ich kann nur hoffen, dass er daraus gelernt hat was solch eine Fehlentscheidung für Folgen haben kann und sowas in Zukunft einfach unterlässt!
Gesundheitlich hätte es für beide auch anders ausgehen können.
Das soll es von mir gewesen sein.
Ich würde diese Seite gern weiterhin bestehen lassen, um euch über das Verfahren zu diesem Sachverhalt zu informieren. Das wird mit Sicherheit den ein oder anderen interessieren.
Einen schönen 4. Advent, frohe Weihnachten mit euren Liebsten, sowie einen guten Rutsch in das neue Jahr!
Nochmals, vielen Dank an Alle!
Eric
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