Raketen über Doha: Flucht von Mein Schiff 5

Michal Hensel Bottrop, Germany

Raketen über Doha: Flucht von Mein Schiff 5

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Description

Hallo,

wir sind Sandra Neumann und Michael Hensel, ein Paar aus Bottrop (NRW), und möchten euch unsere Geschichte erzählen, wie wir aus dem aktuellen Kriegsgebiet in Doha von der Mein Schiff 5 (TUI Cruises) wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind.

Wir waren bis zum 03.03. auf der Mein Schiff 5 von TUI Cruises im Hafen von Doha unter täglichen Raketen- und Drohnenangriffen gefangen, bis wir unsere Flucht aus der Region auf eigene Faust organisiert und durchgezogen haben.

Unsere Kreuzfahrt startete am 26.02. mit TUI Cruises im Hafen von Dubai. Alles wirkte perfekt bis zum Morgen des 28.02. Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns auf dem Kreuzfahrtschiff schon den ersten Tag in Doha. Ein befreundetes Pärchen, mit dem wir die Reise gemeinsam angetreten haben, befindet sich bis heute (Stand 06.03., 2:16 Uhr) immer noch auf dem Schiff.

Am 28.02. morgens war das befreundete Pärchen auf einem Landausflug in Doha unterwegs, während wir uns entschieden hatten, den Tag ruhiger anzugehen, da wir von der Reise und den vielen Klimaanlagen noch leicht angeschlagen waren.

Gegen 8 Uhr morgens lokaler Zeit bekamen wir eine WhatsApp, dass Israel den Iran angegriffen hat. Wir machten uns aber zunächst nichts aus der Nachricht, weil wir uns zu diesem Zeitpunkt das Ausmaß dessen, was noch passieren würde, niemals hätten vorstellen können.

Gegen 9 Uhr sahen wir von den oberen Decks noch einen (letzten) Flieger von Emirates am Flughafen von Doha laden, auf den wir vom Schiff aus eine gute Sicht hatten. Wenig später flogen über uns die ersten Militärflieger. Kurz darauf ertönten auf den Smartphones der meisten Passagiere unzählige Notfallmeldungen auf Arabisch.

Mittlerweile war es nach 12 Uhr, unser befreundetes Pärchen war zurückgekehrt, und wir sind mit ihnen auf ihre Kabine gegangen, um die Situation zu besprechen. Wir hörten die Luftschutz-Sirene vom Flughafen in Doha und unmittelbar danach hörten wir am Himmel über uns die ersten Explosionen. Sie waren noch relativ leise, gespürt haben wir jedoch jedes Mal die Druckwelle, die das Schiff erreichte.

Es kam die erste Durchsage auf dem Schiff vom Kapitän und vom Schiffsdirektor, dass die Situation kompliziert sei und man im Austausch mit dem Auswärtigen Amt stünde. Darüber hinaus sollte man sich im Inneren des Schiffes aufhalten, weit weg von Fenstern und Balkonen. Zu diesem Moment war gefühlt jeder in einer der unzähligen Bars des Schiffes und versuchte, die Aufregung „wegzutrinken“.

Über den Nachmittag und zum Abend hin konnten zumindest wir keine weiteren Ereignisse feststellen – bis zu dem Zeitpunkt, als wir abends im Bett lagen. Wieder Explosionen, wieder vibrierte die Kabine. Sofort kam das Adrenalin, sofort das Herzrasen. Wir hatten einen Kloß im Hals, an Schlafen war nicht zu denken. 

Irgendwann wurde es ruhiger, aber ein Schiff macht immer wieder Geräusche. Irgendwo knallten massige Metalltüren. Wäsche- oder Speisewagen auf anderen Ebenen eckten an. Am Ende war es egal, woher die Geräusche kamen: An Schlafen war nicht zu denken, hier und da sind wir immer nur kurz weggenickt.

Der nächste Tag fing ähnlich an. Gegen 7 Uhr ging es wieder los. Wir hörten und spürten wieder Explosionen, die wieder ein wenig weiter weg zu sein schienen. Wir haben uns auf den Balkon getraut und auf einmal hörten wir ein Geräusch, so laut und in so unmittelbarer Nähe, dass wir panisch sofort reingelaufen sind und unter totalem Schock standen. Wir waren nicht wirklich fähig zu sprechen und gingen sofort auf eines der unteren Decks. Wir wissen bis heute nicht, ob es ein direkter Einschlag war, der die US-Basis getroffen hat, oder ob es ein Trümmerteil einer abgefangenen Rakete oder Drohne war.

Die Zeit bis zum 02.03. verlief immer gleich: Explosionen in der Regel im Zeitraum vom Abend bis in die Morgenstunden. Man funktionierte nur noch irgendwie. Jeder ging damit anders um. Viele entschieden sich, die Situation zu verdrängen, zu trinken und sich mit der aktuellen Lage nicht zu beschäftigen. Andere wiederum versuchten, sich zu informieren, um dadurch möglicherweise neue Hoffnung zu finden.

Immer wieder kamen durch die Schiffsleitung neue Durchsagen, jedoch mit wenig neuen Informationen. Ebenso bekamen wir E-Mails vom Auswärtigen Amt mit der Information, dass ein Ausweg nur über den Landweg entweder nach Saudi-Arabien oder in den Oman möglich sei. Im Gegensatz zu Doha, Dubai oder Abu Dhabi war zu dem Zeitpunkt der Flugverkehr dort nicht gesperrt und noch funktionsfähig. Im Laufe der Tage tauchten im Hafen von Doha auch zwei Militärschiffe auf.

Wir liefen jetzt über die Tage komplett auf dem Zahnfleisch. Kaum Schlaf, in Panik durch jedes Geräusch. Am meisten machte uns die Machtlosigkeit fertig, und irgendwann wollten wir nicht mehr auf Hilfe von außen warten oder hoffen, sondern suchten nach eigenen Auswegen.

Da der Luftraum und der Seeweg gesperrt waren, blieb als einziger Weg der Landweg, bestenfalls über Saudi-Arabien. Die Grenze war eine Stunde entfernt, bis zur Hauptstadt Riad waren es dann noch mal fünf weitere Stunden. Zu diesem Zeitpunkt war es uns egal, ob wir den Weg am Ende wirklich einschlagen oder nicht – wir haben die E-Visas schon mal vorsorglich beantragt. Wir haben amateurhaft Fotos an der Kabinenwand geschossen, die Formulare ausgefüllt und hochgeladen. Wenige Minuten nach dem Ausfüllen und der Bezahlung kam auch sofort die Bestätigung über die erfolgreiche Ausstellung.

Unzählige Fragen waren jetzt offen: Wie kommen wir zur Grenze? Was passiert, wenn wir dort abgewiesen werden? Wie kommen wir von der Grenze nach Riad? Gibt es von da Flüge? Sind diese bezahlbar? Ist es dort überhaupt sicher? Wir erhielten Meldungen über eine Drohne, welche die US-Botschaft in Riad getroffen hatte. Die kurzfristigen Flüge Richtung Europa oder Deutschland waren entweder ausgebucht oder kaum bezahlbar. Wir wollten wegen der weiterhin bestehenden Gefahr auch nicht lange in Riad verweilen.

Nach einigen Recherchen stand dann der grobe Plan: Wir schlagen uns nach Riad durch, nehmen von da einen Mietwagen und fahren 10 Stunden nach Yanbu, einer Küstenstadt Saudi-Arabiens am Roten Meer, nicht mehr weit von Ägypten. Hauptsache Distanz schaffen zwischen uns und dem Kriegsgebiet. 

In Yanbu gibt es einen kleinen Flughafen mit nur wenigen, jedoch regelmäßigen Abflügen nach Kairo. Es gab noch zwei bezahlbare Tickets, wir haben diese sofort gebucht.

Wir stellten den Plan unserem befreundeten Pärchen vor. Sie lehnten ab, es war ihnen zu riskant, es gab zu viele unbekannte Konstanten. Hinzu kam, dass er auch noch Diabetiker ist. 

So suchten wir im Internet nach anderen Menschen in der gleichen Situation. WhatsApp- und Facebook-Gruppen, Foren, neueste Beiträge auf anderen Plattformen. Als wir die Suche fast aufgeben wollten, fanden wir einen zu diesem Zeitpunkt 20 Minuten alten Beitrag auf Reddit.

Wir schickten dem User unsere Nummer und wenige Minuten später bekamen wir eine Nachricht via WhatsApp von Mikaela, einer Amerikanerin mit libanesischen Wurzeln. Teile ihrer Familie leben im Libanon, aber sie hat auch Bekannte in Katar. Sie hatte über ihre Familie bereits einen vertrauensvollen Fahrer organisiert, welcher uns direkt von Doha nach Riad für 1000 QAR (ca. 250 € pro Kopf) fahren sollte. Der Preis erschien uns mehr als fair. Mikaela hatte im Hotel sogar schon unsere E-Visas ausgedruckt.

Der Plan für den 03.03. stand also:

1) Reisepässe auf dem Schiff zurückholen

2) Mit dem Uber zum Steigenberger Hotel in Doha, wo Mikaela auf uns wartet

3) Mit dem Fahrer dann zu viert über die Grenze nach Saudi-Arabien und weiter nach Riad

4) Weiter nach Yanbu durchschlagen

5) Flieger nach Kairo nehmen

6) Flieger nach Köln nehmen

Die Rezeption teilte uns mit, dass wir unsere Reisepässe nur dann bekommen, wenn wir unterschreiben, dass wir die Reise abbrechen und danach nicht mehr auf das Schiff zurückkehren dürfen. 

Da kamen erste Zweifel auf. Was ist, falls etwas schiefgeht? Was passiert, wenn wir an der Grenze nicht durchkommen oder irgendwo mitten in der Wüste Saudi-Arabiens feststecken? Was ist, falls der Luftraum über Saudi-Arabien doch noch geschlossen wird?

Sandra brach in Tränen aus. Es war eine schwere Entscheidung und die Zeit lief uns davon – der Fahrer stand bereits wenige Stunden später am Steigenberger Hotel. Kurzerhand verabschiedeten wir uns von unseren Freunden und brachen die Reise ab. Es flossen Unmengen von Tränen.

Gegen 10 Uhr verließen wir das Schiff und um 10:20 Uhr waren wir durch die Immigration am Cruise Terminal durch, wo wir auch noch unsere katarischen Visa-Stempel in die Reisepässe bekommen haben. 

Ein wenig makaber empfanden wir es jedoch, dass bereits um 10:24 Uhr die Kabinenrechnung auf dem Handy eintrudelte. Naja, wahrscheinlich ein automatisierter Prozess.

Das erste Gefühl nach dem Verlassen des Schiffes war komischerweise ein befreiendes. Auch wenn sich an der Gefahrenlage nichts geändert hatte und alles surreal wirkte, war das Gefühl, das riesige schwimmende Gefängnis zu verlassen, positiv.

Wir bestellten ein Uber und trafen wenige Minuten später im Hotel auf Mikaela. Wir waren super froh, es gab auf einmal Hoffnung. Als wir in der Lobby saßen, fuhren oft fremde Autos vor das Hotel, die etwas ein- oder ausluden. Jedes Mal, wenn eine Heckklappe zuknallte, ging sofort der Puls hoch. Da merkten wir, was das Ganze mit uns machte bzw. gemacht hat.

Kurze Zeit später fuhren wir los. Der Weg führte uns direkt an der Militärbasis vorbei. Es war jedoch tagsüber und wir hofften, dass das Muster der Angriffe gleich bleibt. Es war auch so, tagsüber herrschte Ruhe.

Mikaela konnte an der Grenze durch ihre Arabisch-Kenntnisse sehr viel klären. Nach ca. 1-2 Stunden und unzähligen Warteschlangen, Fotos und Fingerabdrücken waren wir abgefertigt. Wir sahen viele andere Touristen an der Grenze, wir waren also nicht die einzigen, die sich auf den Weg gemacht haben. Das gab uns Hoffnung.

Auf dem Weg gingen wir noch mal alle Dokumente durch und merkten: Fuck, für die Anmietung des Mietwagens wird ein internationaler Führerschein benötigt, wir haben nur den deutschen. Wie kommen wir jetzt binnen eines Tages nach Yanbu, damit wir den Flieger nach Kairo bekommen? Wir checkten noch mal die Flüge ab Riad und sahen, dass die inländischen Flüge innerhalb von Saudi-Arabien bezahlbar sind. Also haben wir direkt einen Flieger nach Yanbu gebucht.

Gegen 21 Uhr waren wir am Flughafen von Riad angekommen. Es war eine absolute Erleichterung. Hier trennten sich die Wege von Mikaela und uns.

Der Rest der Reise verlief ohne nennenswerte Vorkommnisse. Mit jedem Schritt weiter waren wir immer glücklicher, dass wir es geschafft haben. Das gilt aber, Stand heute, leider nicht für alle. Unsere Freunde sind immer noch auf dem Schiff gefangen. Die erste Nachricht, die wir nach der Landung in Köln bekommen haben, ließ uns realisieren, dass viele andere sich noch im Kriegsgebiet befinden.

Wie viele andere Passagiere verstehen auch wir nicht, wie es sein kann, dass viele bekannte Reedereien, wie z.B. AIDA, Reisen in diese Gebiete schon vor Wochen abgesagt haben. 

Die Fragen, die wir uns an dieser Stelle stellen, sind: 

Können die Informationen zur geopolitischen Lage zwischen den verschiedenen Reedereien so unterschiedlich sein, dass so gegensätzliche Entscheidungen getroffen werden? 

Wird nicht gleichermaßen von einer zentralen Stelle informiert? 

Stand für TUI Cruises möglicherweise Profit an höherer Stelle als die Sicherheit der Passagiere? 

Warum wurde auf dem Schiff erst nach vier Tagen des Bombardements in kleinen MB-Paketen freies Internet angeboten, sodass man seine Familien auch mal per Video-Call kontaktieren konnte? Eine kostenpflichtige Dazubuchung, z.B. 25GB für 145€, wie wir es gemacht haben, war jedoch jederzeit möglich.

Das soll hier kein Vorwurf an die Crew des Schiffes sein. Diese Menschen haben exzellente Arbeit geleistet, leisten diese immer noch und erleben das Gleiche wie die Passagiere. Wir möchten uns an dieser Stelle herzlich für ihren Einsatz bedanken und hoffen, dass alle sicher nach Hause zu ihren Familien kommen.

Wir finden jedoch, dass Spezialisten auf diesem Fachgebiet sich auf rechtlichem Wege die Situation anschauen sollten, um zu prüfen, ob hier nicht fahrlässig Menschen in Gefahr gebracht wurden. Viele werden mit Ängsten und psychischen Schäden nach Hause kommen. Auch wir wissen noch nicht, wie es uns gehen wird, wenn wir erst einmal wirklich zur Ruhe kommen.

Wir möchten an dieser Stelle auch transparent sein: 

Wir wissen nicht, ob seitens TUI Cruises ohne rechtlichen Beistand irgendwelche Kompensationen gezahlt werden. Die hohen vierstelligen Kosten für unsere Rückreise auf eigene Faust haben uns zwar nicht finanziell ruiniert, aber falls ihr uns unterstützen wollt, freuen wir uns über jede Spende. Das Geld werden wir vollumfänglich nutzen, um den oben geschilderten Sachverhalt juristisch prüfen zu lassen.

Wir danken euch und beten, dass alle, die noch auf der Mein Schiff 5 und Mein Schiff 4 gefangen sind, bald nach Hause kommen.

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Schön, dass ihr sicher zurück seid. Das muss der Horror gewesen sein. Ich hoffe, dass ihr mit dieser und weiteren Spenden etwas erreichen könnt. Viel Kraft.
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Es ist traurig, das seitens der Reederei und auch der Bundesregierung kaum aktive Unterstützung kommt. Es wird viel in den Medien geredet, aktiv passiert leider wenig. Mutig, dass ihr diesen riskanten Weg der Heimreise angetreten habt!!
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06. March 2026
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