Weniger Gesundheitsschäden d. Patientenaufklärung

Dirk Sandhorst Hamburg, Germany

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Laut Untersuchungen von Krankenkassen lassen sich pro Jahr Hunderttausende von Patientinnen und Patienten auf Eingriffe ein, die eigentlich nicht gut für sie sind. Beispielsweise auf die Ersetzung von Gelenken, obwohl in vielen Fällen eine konservative Therapie ohne OP eigentlich für sie besser und mit weniger Risiken verbunden wäre. Dies geschieht u.a. weil Patient:innen in den Aufklärungsgesprächen manchmal nicht richtig über Alternativen und/oder die Risiken einer OP aufgeklärt werden.

Ich selbst habe in verschiedenen Kliniken bei mindestens 5 Gelegenheiten feststellen müssen, dass die Aufklärung vor meinem Eingriff mangelhaft war. Dadurch habe ich mich einmal auf einen Eingriff eingelassen, weil mir dessen Risiken nicht offengelegt wurden. Dadurch habe ich über ein Jahr gebraucht, um wieder auf die Beine zu kommen und werde den Rest meines Lebens darunter zu leiden haben. Wie mir geht es wohl Hunderttausenden von weiteren Patient:innen.

Laut Patientenrechtegesetz muss eigentlich jede Patientin und jeder Patient vor jedem Eingriff über alle wesentlichen Risiken und auch Alternativen mündlich, verständlich und rechtzeitig aufgeklärt werden.

Aber bei den meisten Aufklärungsgesprächen wurden mir schwere Risiken vorher nicht oder nur verharmlosend mitgeteilt oder wurden mir mögliche Alternativen nicht genannt. Dadurch habe ich mich einmal auf einen Eingriff eingelassen, auf den ich mich nie eingelassen hätte, wenn ich vorher alle wesentlichen Risiken gekannt hätte. Und prompt ist dann eines dieser Risiken auch eingetreten. Darunter werde ich nun den Rest meines Lebens zu leiden haben.

Besonders schlimm finde ich, dass manchmal oder sogar oft Tricks benutzt werden, um die Unterschrift von Patienten zu erhalten. So wird der Aufklärungsbogen direkt nach dem Aufklärungsgespräch zur Unterschrift hingehalten, so dass man als Patient:in gar keine Chance hat, den zu lesen, bevor man ihn unterschreibt. Und im Aufklärungsbogen standen bei mir oft andere Dinge drin als mir im Aufklärungsgespräch direkt vorher gesagt wurden. Beispielsweise wurde mir im Gespräch gesagt, dass man nur eine Biopsie nehmen wolle, während im Aufklärungsbogen drin stand, dass man eventuell amputiert. Da die Unterschrift unter den Aufklärungsbogen als Einwilligung gilt, kann man sich vorstellen, was das für Folgen haben kann.

Und mehrmals wurde mir von dem Aufklärungsbogen vor dem Eingriff noch nicht einmal eine Kopie zum Lesen gegeben. Unter anderem weil im Aufklärungsbogen vorgedruckt steht, dass man gesagt hätte, dass man keine Kopie haben möchte. Obwohl man dies nie gesagt hatte.

Ich habe über alle möglichen Wege versucht zu erreichen, dass Ärzte und Kliniken zumindest darauf verzichten, den Aufklärungsbogen direkt nach dem Gespräch zur Unterschrift hinzuhalten, sondern dass Patient:innen in jedem Fall die Zeit gegeben wird, den in Ruhe durchzulesen, bevor sie ihn unterschreiben.

Weder Ärzte noch Kliniken noch Behörden noch Politiker waren bereit dazu. Denn Patienten könnten ja sagen, dass sie Zeit brauchen, bis sie sich entscheiden. Aber als Patient:in ist man in dieser Situation oft überfordert. Man ist sowieso aufgewühlt und möchte die Ärzte nicht vor den Kopf stoßen und vertraut auch darauf, dass im Aufklärungsbogen nichts grundsätzlich Anderes drin steht als im Aufklärungsgespräch gesagt wurde. Und man weiß auch gar nicht, dass man das Recht hat, jetzt noch nicht zu unterschreiben und was für Folgen es haben kann, wenn man jetzt unterschreibt.

Damit nicht jedes Jahr Hunderttausende von Patient:innen in die Falle laufen, in die ich gelaufen bin, habe ich nun einen Leitfaden entwickelt, der Patientinnen und Patienten Hinweise gibt, was man vor, während und nach einem Aufklärungsgespräch machen kann und machen sollte. Es sind Bitten aufgelistet, die man äußern darf, z.B. ob man das Gespräch aufnehmen darf oder zumindest eine App das Gespräch mitschreiben lassen darf oder dass man sich den Aufklärungsbogen noch einmal durchlesen möchte, bevor man unterschreibt.

Und es gibt einen Fragebogen mit 12 Fragen, die man stellen sollte, um besser informiert zu sein, z.B. wie häufig es zu Folgeoperationen kommt, zu schweren Komplikationen oder bleibenden Schäden und welche Alternativen es gibt.

Und es gibt jeweils Hinweise auf Begründungen, die man benutzen kann inkl. Hinweise auf Gesetze oder Urteile des Bundesgerichtshofs.

Und es gibt eine Checkliste, die man abhaken sollte, bevor man den Aufklärungsbogen unterschreibt und damit die Einwilligung zu der OP oder dem Eingriff gibt.

Dadurch werden Patient:innen erheblich besser informiert als ohne diesen Leitfaden und können dann unter Umständen sich für eine für sie bessere und risikoärmere Alternative entscheiden und so Gesundheitsschäden vermeiden.

Ich hatte ursprünglich gedacht, dass Ärzte schon selbst beurteilen können, wann eine OP für den oder die Patient:in zu risikoreich ist. Ich habe dann aber erfahren, dass Ärzte oft sehr schlecht darin sind, Risiken richtig einzuschätzen und Testergebnisse richtig zu interpretieren. Deshalb wurden laut Prof. Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung z.B. 2014 35.000 Frauen die Eierstöcke entfernt, obwohl diese vollkommen gesund waren. Und mir wurde als Häufigkeit für eine schwere Komplikation 1 bei 1000 Eingriffen genannt, obwohl das wahre Risiko laut Studie bei 1 bei 20 Eingriffen lag und vielleicht sogar noch höher.

Eine erste Version dieses Leitfadens ist fertig. Und jede und jeder kann ihn kostenlos über die Seite https://patientenrechte.org herunterladen.

Prof. Gigerenzer hat sich diesen Leitfaden inkl. Fragebogen angeschaut und meinte wörtlich "Ich ... finde beides gut gemacht. Ich hoffe, dass viele Patienten davon Kenntnis bekommen.".

Aber ich würde gerne insbesondere die rechtlichen Hinweise auf Gesetze und Urteile des Bundesgerichtshofs noch von einem Fachjuristen prüfen lassen. Und ich würde ihn gerne drucken lassen, um ihn kostenlos auch an Beratungsstellen etc. verteilen zu können. Und vielleicht auch etwas Werbung machen, z.B. in Bussen, die zu Kliniken fahren. Und natürlich auch eine zweite Version entwickeln.

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06. August 2026
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