Mein Weg zum Ultra

Patrick Otto Mühlhausen/Thüringen, Germany
02.07.2026
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Liebe Unterstützende,

ich verabschiede mich ganz langsam in den Tunnel vor dem Wettkampf, der mir immer geholfen hat. Da ich zuletzt immer wieder gefragt wurde, wie man eigentlich auf die Idee kommt, 100 Kilometer zu laufen, habe ich die Geschichte aufgeschrieben. Wer also mag, kann es hier nachlesen. Herzlichen Dank an alle!

Das Projekt M1/13 – Der Mozart 100 am 22. Juni 2013 – Mein erster Ultralauf

Wie kam es eigentlich dazu?

 Vorab: Ich habe am 3.1.2008 erstmals die Laufschuhe angezogen. Damaliges Ziel war, regelmäßig zu laufen, um die Kondition im Winter für die Wanderungen im Sommer zu erhalten. Das Laufen wurde schnell zu einem elementaren Bestandteil des Alltags, jedoch nie mit der Absicht Wettkämpfe zu laufen.

Zu Beginn des Jahres 2012 packte mich dann aber der Ehrgeiz. Ich wollte, beeinflusst durch meinen Freund Erti und seine Entscheidung in Wettkämpfen zu laufen, sehen, ob auch ich einen Wettkampf positiv bestreiten kann. Was im Anschluss alles folgte, konnte ich zum damaligen Zeitpunkt nicht ahnen.

Nach einer sehr kurzentschlossenen und harten Vorbereitung auf die Saison 2012 durfte ich mich in jedem Wettkampf über tolle Resultate freuen. Marathon, Halbmarathon, 10-km-Lauf – alle Wettbewerbe konnte ich mit Zeiten abschließen, über die sich jeder Hobbyläufer freut. Die Reihenfolge war ungewöhnlich, durch äußere Umstände aber nicht zu ändern. Wie geplant konnte ich nach Abschluss der Wettkämpfe entspannen, den Trainingsplan beiseitelegen und zwei Wochen Urlaub genießen.

Anschließend lief und radelte ich einfach dann, wenn ich Lust dazu hatte. Es war eine schöne Regeneration. Ich wurde wieder zum „Grünen Läufer“, doch eine Sache blieb in meinem Hinterkopf. Eine Herausforderung, auf die ich mich voll konzentrieren musste, wenn ich sie wirklich schaffen wollte.

Bereits nach meinem ersten Wettkampf, dem Salzburg-Marathon im Mai 2012, hatte ich vom Debüt des Mozart 100 gehört. Ein Lauf über 100 Kilometer durch meine damalige Wahlheimat, das Salzburger Land.

 „Hundert Kilometer?“, fragte mein Verstand.

 „Klingt vernünftig“, antwortete mein Größenwahn.

 Und so begann die Geschichte. Ich wollte diesen Lauf laufen. Doch es sollte ein langer Weg werden.

Oktober 2012

Nach dem Umzug nach Niederösterreich versuchte ich wieder, fünfmal pro Woche zu laufen. Ich suchte mir eine 10-km-Strecke, auf der man wunderbar abschalten konnte. Es ging rein um die Bewegung und darum, das Gewicht zu halten. Außerdem machte es großen Spaß die neue Umgebung zu entdecken und immer wieder neue Wege durch die Felder zu ergründen.

Lauf-KM: 104,5 Rad-KM:   45

November 2012

Ich musste umdenken, denn die Trainingseinheiten nach 19 Uhr waren bereits sehr kalt. Zudem beschlossen die Rehe und Hasen offenbar, Teil meines Trainingsplans zu werden.

Regelmäßig schossen sie im Dunkeln aus dem Gebüsch und versuchten offenbar herauszufinden, ob Läufer bei einem Tempo von 5:00 min/km fliegen konnten.

Nach einigen besorgniserregenden Begegnungen verlagerte ich das Training mit Blick auf meine Gesundheit lieber ins Wohnzimmer und kaufte ein Ergometer.

Lauf-KM: 94 Rad-KM167

Weihnachten 2012

Ich hatte es getan. Ich hatte mich angemeldet.

Ich fühlte mich fit und hatte noch sechs Monate Vorbereitung vor mir.

Nach ewigem Hin und Her schenkte ich mir selbst den Start ins Ungewisse.

Ich wollte den Mozart 100 laufen.

 Zum Jahresende konnte ich wieder in der alten Heimat laufen, und auch der mittlerweile traditionelle Silvesterlauf mit meinem Freund Erti fand erneut statt. Es fiel schwer, mit ihm nicht über das Projekt zu sprechen, aber diese Herausforderung gehörte vorerst nur in meinen Kopf.

Der Klick auf den Anmeldebutton fühlte sich an wie die Unterschrift unter einen Vertrag mit einem sehr sportlichen Dämon. 100 Kilometer – keine Ausreden mehr.

Während andere Menschen über Geschenke, Kekse und Silvester nachdachten, begann ich heimlich, meinen Körper und vor allem meinen Kopf auf die bevorstehende Schlacht vorzubereiten.

Lauf-KM: 145 Rad-KM: 318,5

Januar 2013

Monatelang trainierte ich mittlerweile glücklich vor mich hin. Ich erstellte Trainingspläne, analysierte Herzfrequenzen und verglich meine Werte mit den Laufbandergebnissen des Vorjahres. Das Training wechselte zwischen Laufstrecke und Rad. Ich genoss die Läufe sehr, da ich merkte, wie der Körper immer fitter wurde.

Lauf-KM: 136,5 Rad-KM: 150

Februar 2013

Herzfrequenz und Pace ähnelten den Vorjahreswerten, und ich war sehr zufrieden. Ich konnte den Trainingsplan vom letzten Jahr übernehmen und mich gezielt vorbereiten.

Die Vorbereitung galt dem Wien-Energie-Halbmarathon. Gemeinsam mit meinem Team stellten wir zwei Staffeln, während ich die gesamte Distanz alleine lief.

Mittlerweile hatte ich auch einen Termin bei meiner Physio- und Ernährungstherapeutin vereinbart, die mich am Tag vor dem Mozart 100 fit machen sollte.

Insgesamt stieg das Trainingspensum deutlich an. Das Laufen nach Plan musste ich zwischenzeitlich jedoch aufgeben, da die Schneemassen keine Läufe auf den Feldwegen zuließen.

Lauf-KM: 219 Rad-KM: 59

März 2013

Wir hatten Glück. Das Wetter war uns beim Wiener Halbmarathon wohlgesonnen und wir absolvierten einen guten Lauf. Alle Kolleginnen erreichten das Ziel, und ich hängte nach dem Halbmarathon noch sechs Kilometer an, um eine Kollegin zu motivieren.

Meine letzte Runde lag unter vier Minuten pro Kilometer. Dass ich danach noch zusätzliche Kilometer laufen konnte, zeigte mir, dass immer noch Reserven vorhanden waren, wenn es darauf ankam.

Der eigentliche Schock kam Ende März. Ich gehörte nie zu den Menschen, die vor einem Wettkampf jedes Detail studierten. Auch bei meinem neuen Projekt war das zunächst so. Doch langsam kamen Zweifel hinsichtlich der Verpflegung während des Laufs auf. Ich betrachtete die Bilder des Vorjahres, um zu sehen, wie die Teilnehmenden ausgestattet gewesen waren. Dabei wurde ich stutzig. Immer wieder sah man Läufer:innen im Flussbett oder auf schwierigem Gelände, das Wandersteigen ähnelte.

Also las ich doch einen Bericht – und stockte. Beim Mozart 100 handelte es sich nicht um einen gewöhnlichen 100-km-Lauf, sondern um einen 100-km-Trailrun. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich noch nicht einmal den Begriff!

Geblendet von der traumhaften Umgebung hatte ich völlig übersehen, dass neben den 100 Kilometern auch über 2.000 Höhenmeter zu bewältigen waren. Ich hatte die ganze Zeit an 100 asphaltierte Kilometer gedacht. Zwischendurch testete ich Laufunterwäsche und war schwer enttäuscht. Immerhin wusste ich nun, dass mich meine noch nicht patentierte Unterwäsche mit integrierten Cola-Gel-Taschen begleiten würde.

Bei allem anderen musste ich wohl grundlegend umdenken.

Lauf-KM: 234,1 Rad-KM: 125

April 2013

Ich bestellte neue Schuhe.

Es gab für diesen Bereich sogar eine eigene Kategorie, deren Namen meist mit GT oder GTX endeten. Nach kurzer Recherche machte ich mich auf den Weg ins Sportgeschäft. Zwei Stunden später stand fest: Ich würde verschiedene Modelle und Größen testen. Nur eines stand von Anfang an fest: Es würden Asics werden.

Neben den Schuhen galt es auch das Training anzupassen. Ich lief nun wieder täglich nach geplanter Herzfrequenz, aber erfand die Einheiten und Strecken jeden Tag neu. Alle Untergründe sollten getestet werden. Nur die Grundwerte mussten stimmen.

Ich erinnere mich, dass ich während dieser Einheiten nie darüber nachdachte, ob ich es schaffen könnte, sondern nur, wie ich es angehen sollte, um gesund und zügig anzukommen. Die größte Motivation war und ist, wenn ich mich in Gedanken im Zielkanal sehe.

Die Möglichkeiten für die Vielfalt in den Läufen bot meine neue Heimat reichlich. Zudem baute ich Läufe vom Büro nach Hause ein. Ursprünglich sollte mich meine Frau unterwegs einsammeln, doch beim ersten Versuch lief ich aufgrund unvorhersehbarer Umstände die gesamten 30 Kilometer durch. Beim zweiten Mal war das beinahe schon geplant.

Wichtig war mir, diese Läufe spontan nach einem langen Arbeitstag zu absolvieren, um zu sehen, wie der Körper auf unvorhersehbare Belastungen reagierte.

Auch spontane Radtouren knapp unter 100 Kilometern fanden ihren Weg in den Trainingsalltag. Spontanität war in dieser Phase das Wichtigste.

Ende April besserte sich das Wetter zunehmend, und am 22.04.2013 absolvierte ich den ersten Lauf des Jahres in kurzer Hose und T-Shirt. An meinem eigentlichen Ruhetag holte ich ein Intervalltraining nach, das am Wochenende ausgefallen war.

Das immer bessere Wetter unterstützte mich bei einem Plan, den ich spontan gefasst hatte: Ich nahm mir zwei Tage frei, um mit dem Rad quer durch Österreich zu fahren – von Wien nach Bischofshofen.

Diesen Plan hatte ich bereits den ganzen Winter im Kopf gehabt, doch nun wollte ich ihn endlich umsetzen und meine Grenzen austesten. Die genaue Route stand noch nicht fest, aber die Ausrüstung war bereits gepackt. Es sollten über 400 Kilometer durch die Hügel der Steiermark bis hinein in die Tauern werden. Auf die flache Strecke entlang der Donau wollte ich bewusst verzichten. Stattdessen suchte ich ein wenig Ungewissheit und nahm dafür gerne vier Stunden zusätzliche Fahrzeit in Kauf, da ich bereits am Mittwochabend startete und nicht erst am Donnerstagmorgen. Sogar einen Gepäckträger hatte ich an mein Mountainbike montiert, und auch mein geliebter Gaskocher war bereits eingepackt. Ich war gespannt, wie die Reise verlaufen würde.

Eine Woche nach meiner Rückkehr konnte ich sagen: Ich war um viele Erfahrungen reicher. Wenn der Kopf mitspielt, lässt sich körperliche Anstrengung deutlich besser ertragen. Die Radtour begann am Mittwoch, dem 24.04.2013, um 16 Uhr direkt vor meiner Haustür. Innerhalb von dreieinhalb Stunden legte ich die ersten 85 Kilometer bis nach Wilhelmsburg zurück. Ein schöner Zufall war, dass mein ehemaliger Chef in derselben Pension übernachtete. So saßen wir bis spät in die Nacht beim Heurigen zusammen und unterhielten uns.

Am nächsten Morgen ging es sehr früh weiter. Neben kurzen Pausen zum Studium der Karte (ja – es gab noch keine Navis am Rad) legte ich eine 45-minütige Rast an einem Fluss ein, in der ich mir mit dem Gaskocher eine Suppe zubereitete und ein im Fluss gekühltes Bier genoss.

Am Abend standen schließlich 175 Kilometer auf dem Tacho. Die letzte Etappe des Tages führte mich 25 Kilometer lang durch den Nationalpark Gesäuse.

Nach einer Übernachtung in Admont führte mich der Weg durch das Ennstal bis nach Bischofshofen. Gegen 16 Uhr fuhr ich überglücklich die letzten Kilometer meiner insgesamt mehr als 400 Kilometer langen Radreise. Dabei wurde mir klar: Auch wenn alles zieht und schmerzt, ist erst am Etappenziel wirklich Schluss.

Bereits am nächsten Tag ging ich mit meiner Frau an unserer geliebten Drachenwand klettern. Da ich eigentlich hätte regenerieren sollen, wurde es eine anstrengende Tour. Die Quittung folgte einen Tag später: Übelkeit, Muskelschmerzen und plötzliches Fieber von über 38 Grad zwangen mich während der Autofahrt nach Niederösterreich zu einer direkten Bettruhe.

Am Montag war alles wieder überstanden. Zur Sicherheit pausierte ich noch einen weiteren Tag. Seitdem bestand mein Training aus lockeren Aufbaueinheiten mit 10 bis 15 Laufkilometern sowie 15 bis 50 Kilometern auf dem Rad. Ab der folgenden Woche wollte ich versuchen, mindestens dreimal pro Woche längere Läufe zu realisieren.

Die Bilanz des Aprils war dadurch zwar deutlich verschoben, doch so ist das eben mit spontanen Ausflügen jenseits des Gewohnten.

Lauf-KM: 233 Rad-KM: 531

 Der Mai war vorbei und stand ganz im Zeichen verschiedener Tests. Mein Trainingsziel bestand darin, die Leichtigkeit bei langen Läufen zurückzugewinnen – und das gelang mir. Seit ich in Niederösterreich wohnte, betrug meine kürzeste Trainingsdistanz ohnehin zehn Kilometer. Im Mai kamen jedoch insgesamt 13 längere Läufe hinzu. Distanzen von 14, 15, 16, 17, 20 und sogar 30 Kilometern standen auf dem Programm.

Dabei stand nicht die Geschwindigkeit, sondern die Leichtigkeit im Vordergrund. Die Läufe waren in keinem Trainingsplan fest verankert. Stattdessen versuchte ich, auf meinen Körper zu hören und ihm die Entscheidung zu überlassen, wann und wie viel er laufen wollte. Lauftechnisch stand somit alles auf Grün.

Anfang Mai kamen jedoch die ersten Zweifel auf – Zweifel bezüglich der Schuhwahl. Kleinere Blasen unter dem Großzeh zeigten, dass die Schuhe noch besser eingelaufen werden mussten. Gleichzeitig war ich gezwungen, die Schuhe im Wechsel zu tragen: einen Tag die Marathon-Schuhe, am nächsten Tag die Trailrunning-Schuhe.

Gerade dieser Wechsel machte mir bewusst, wie viel schwerer die Premium-Schuhe von Asics waren. Pro Schuh betrug der Gewichtsunterschied rund 180 Gramm. Da ich auf den langen Läufen viel Zeit zum Nachdenken hatte und inzwischen keine Musik oder andere Medien mehr mit mir herumtrug, begann ich zu rechnen. Hochgerechnet auf 100 Kilometer bedeutete das, dass ich etwa 18 Tonnen zusätzliches Gewicht bewegen musste. Das klang verrückt, war aber tatsächlich so.

Demgegenüber standen meine Marathon-Schuhe der zweiten Generation, die sich mittlerweile anfühlten, als wären sie an meinen Füßen gewachsen. Im Gelände boten sie zwar nicht den bestmöglichen Halt, doch die mehr als 50 Prozent der Strecke abseits befestigter Straßen würden hoffentlich nicht ausschließlich über anspruchsvolle Waldwege, Wurzeln und Geröll führen.

Mein Entschluss stand jedenfalls fest: Der Lauf würde mit den Marathon-Schuhen absolviert werden. Alles andere wäre eine Dummheit gewesen.

Juni 2013

Die letzten Wochen vor dem Wettkampf verliefen hervorragend. Die Spannung stieg täglich. Dann erschien kurz vor dem großen Rennen der gefährlichste Gegner.

Nicht ein Berg. Nicht ein Gewitter. Nicht einmal eine Verletzung.

Der Wolf!

Jeder Langstreckenläufer kennt ihn. Jeder fürchtet ihn. Niemand spricht gern darüber.

Es brannte. Es scheuerte. Es schmerzte. Die Ursache war schnell gefunden. Meine bisher treue Unterhose hatte beschlossen, die Zusammenarbeit zu beenden. Panik. Vorsichtshalber brach ich einen Lauf nach 22 Kilometern ab und machte mich direkt auf den Weg ins Sportgeschäft. Diesmal hatte ich offenbar die richtige Wahl getroffen.

Ein anschließender Regenerationslauf über zehn Kilometer bestätigte den guten Eindruck. Die Vorbereitung war abgeschlossen.

Tag der Abrechnung – Der Mozart 100

5 Uhr morgens. Mozartplatz Salzburg.

Hunderte Läufer standen bereit.

Einige wirkten entspannt. Andere sahen aus, als hätten sie ihre Lebensentscheidungen über Nacht noch einmal gründlich überdacht.

Dann fiel der Startschuss.

Das Projekt M1/13 – Mozart 100, der Ultra Panorama Trail über 100 Kilometer durch das Salzburger Land, hatte begonnen.

Die erste Runde über 45 Kilometer war nicht einfach. Zum ersten Mal sah ich die Wandersteige mit eigenen Augen. Aus der Wettkampfbesprechung wussten wir, dass etwa zehn Prozent der Strecke über solche Passagen führten. Das bedeutete zehn Kilometer anspruchsvollstes Gelände.

Runde zwei verlief deutlich entspannter, weil es keine Überraschungen mehr gab. Zumindest fast keine. In der Nähe von Hof bei Salzburg wartete „The Wall“. – Die Wand!

Ein Anstieg, dessen Name keinerlei Übertreibung war. Wer ihn benannt hatte, war entweder ein Poet oder ein Sadist. Wahrscheinlich beides.

Spätestens ab Fuschl wusste ich jedoch, dass ich mein inoffizielles Ziel erreichen konnte. Offiziell gab ich12 Stunden als ein realistisches Ziel an, innoffiziell wollte ich eine Zeit unter 11 Stunden erreichen! Die letzten 25 Kilometer lief ich erstaunlich entspannt mit einem Tempo zwischen fünf und sechs Minuten pro Kilometer. Das größte Problem des Trails bestand darin, dass man kaum einen Rhythmus fand. Untergrund, Steigung und Gefälle wechselten gefühlt alle 500 Meter. Die Beine waren müde. Die Knie meldeten Protest an. Der Kopf jedoch grinste.

Der ständige Wechsel der Belastung sorgte glücklicherweise dafür, dass immer wieder andere Muskelgruppen arbeiten mussten. Trittsicherheit war dabei enorm wichtig. Diese hatte ich über Jahre hinweg in den Bergen beim Wandern trainiert, sodass ich auf den steilen Abstiegen viel Zeit gutmachen konnte.

Dank meines privaten Fanclubs erhielt ich auf den letzten 15 Kilometern noch einmal einen gewaltigen Motivationsschub. Plötzlich fühlte sich noch einmal alles leichter an.

Die letzten Kilometer vergingen wie im Flug. Oder zumindest fühlte es sich so an. Tatsächlich sah ich vermutlich eher aus wie ein erschöpfter Pinguin auf Wanderschaft.

Aber das spielte keine Rolle.

Vor mir lag das Ziel.

Die Uhr blieb schließlich bei 10:48 Stunden stehen.

Fast zwölf Minuten unter meinem inoffiziellen Ziel. Wie beschreibt man einen solchen Lauf? Irgendjemand hatte im Vorjahr gesagt: „Du musst durch die Hölle, um in den Himmel zu kommen.“ Die Hölle selbst hatte ich allerdings nicht erlebt. Vielleicht aber das Tor gesehen. Der Lauf war extrem anstrengend, und am Ende schmerzten die Knie. Doch letztlich gehört das mit Sicherheit dazu und ich lernte, dass weder Kraft noch Talent bei solch einem Lauf entscheidend weiterhelfen. Es war vor allem die Sturheit. Vielleicht traf es der Aufdruck auf dem Shirt eines kurzzeitigen Laufkameraden am besten:

„Der Schmerz vergeht, der Stolz bleibt.“

So gefiel mir das. Neben Muskeln, Laktatwerten, Schuhen und Verpflegung war und ist bei solchen Läufen vor allem eines entscheidend: Der Kopf.

Und dort schien alles zu stimmen.

Denn ich hatte die vollen einhundert Kilometer Spaß.

Und irgendwo tief in diesem Kopf begann bereits auf der Heimfahrt eine neue, völlig verrückte Idee zu wachsen.

 

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