Gestern ist euer Geld zu etwas Konkretem geworden

Nathalie Heuer Hannover, Germany
13.08.2026
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Ich schreibe diesen Text am Abend, mit staubigen Schuhen und einem Handy voller Fotos. Der erste Tag ist vorbei, und ich möchte euch mitnehmen, was daraus geworden ist.

Wenn ich „wir“ schreibe, meine ich meine Cousinen, den Freund einer von ihnen, meinen Mann und mich. Wir waren den ganzen Tag zusammen unterwegs.

Der erste Einkauf

Angefangen haben wir mit den aktuellen Bedarfslisten. Ganz oben standen die Rettungsteams, also sind wir zuerst in eine Ferretería gefahren, einen kleinen Laden der als Baumarkt gilt. Zuerst Schutzausrüstung: Helme, Schutzbrillen, Arbeitshandschuhe. Dann Dinge, an die man von außen gar nicht denkt: Diamant-Trennscheiben, um sich durch Beton zu arbeiten, Metall-Trennscheiben für die Stahlträger, und Seile. Werkzeug, mit dem sich die Teams überhaupt erst einen Weg zu den Verschütteten bahnen können. Als der Besitzer verstanden hat, wofür der ganze Wagen ist, hat er uns spontan Rabatt gegeben. Er meinte, er finde es großartig, dass sich gerade so viele einsetzen, und dass ein Teil des Geldes sogar aus dem Ausland kommt.

Danach ging es in den Supermarkt: Lebensmittel und Hygieneartikel, so viel wie in den Wagen passte.

Mitten im Geschehen

Über Kontakte sind wir an eine kleinere Sammelstelle gekommen, die LKWs in die abgelegenen Dörfer schickt. In Cali selbst ist inzwischen so viel zusammengekommen, dass die Stadt erst einmal gut versorgt ist. Ein schönes Zeichen dafür, wie viele hier mit anpacken. Jetzt geht es um die Dörfer im Umland, wo bisher noch kaum Hilfe angekommen ist.

Dort angekommen wollten wir eigentlich nur abladen. Ein paar Minuten später standen wir mitten in einer Menschenkette, die die Ladung in den LKW brachte. Danach saßen wir auf dem Boden und haben sortiert: Material hierhin, Lebensmittel dorthin, Hygiene in die nächste Kiste. Ständig kam jemand vorbei und sagte uns, wo gerade Hände fehlen.

Ich war beeindruckt, mit welcher Selbstverständlichkeit die Caleños hier anpacken. Und sie haben sich riesig über die Spenden gefreut. Dass Hilfe direkt aus Deutschland kommt, war für viele ein Highlight.

Als der LKW beladen war, dachten wir, die Arbeit sei erledigt. Dann rief einer der Koordinatoren in den Raum: „Holt eure Handys raus und postet die aktuelle Liste. Überschwemmt die sozialen Medien, denn wir machen weiter!“ An der Tafel hing schon der neue Bedarf, und alle zückten gleichzeitig ihre Handys, um ihn abzufotografieren.

Uns war bis dahin gar nicht klar, dass an diesem Tag noch weitere LKWs kommen würden. In der Zeit, bis der nächste eintraf und mehr Spenden gebracht wurden, wurden wir mit Pizza und Getränken versorgt

Ein Zwischenstopp

Bevor es zum nächsten Einkauf ging, sind wir noch bei meiner Cousine vorbeigefahren, um ein paar Dinge abzuholen. Dort habe ich zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, was das Beben in ihrem Gebäude angerichtet hat. Ganze Außenwände sind abgefallen, die Überdachung der Parkplätze ist eingestürzt.

Wir sind die Treppen hochgegangen und dabei an den Wohnungen der Nachbarn vorbeigekommen. Überall standen Menschen zwischen ihren Sachen und räumten zusammen, was noch zu retten war. Die Traurigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Eine Stimmung, die schwer zu beschreiben ist und die man nicht so schnell wieder loswird.

Runde zwei

Mit der aktualisierten Liste in der Hand ging es zurück in den Supermarkt. Diesmal Deos, Zahnbürsten und Hygieneartikel, danach in die Apotheke, um den Rest der Liste abzuarbeiten. Immer wieder blieben Leute stehen, wenn sie unsere vollen Wagen gesehen haben, und haben sich bedankt. Was uns auch berührt hat: Manche Regale waren schon halb leergeräumt. Wir sind hier bei Weitem nicht die Einzigen. Die Hilfsbereitschaft ist überall zu spüren, und das tut gerade sehr gut.

Runde drei

Die nächste Ladung haben wir wieder vorbeigebracht. Zwei von uns sind an der Sammelstelle geblieben und haben beim Verpacken geholfen, der Rest ist losgezogen um die aktuellen Bedarfe zu decken. Im Supermarkt fiel schnell auf, wofür wir einkaufen, und wir wurden gebeten, kurz zum Filialleiter zu kommen. Ein kurzes Gespräch, dann hat er uns in seine Lagerhalle mitgenommen, damit wir dort direkt große Gebinde kaufen können. Zu besseren Preisen, weil er die Aktion unterstützen wollte.

Danke

Ein langer, anstrengender Tag ist vorbei, und ich bin einfach nur dankbar. Für jede einzelne Spende, für jede geteilte Nachricht, für jede Nachricht mit „ich denk an euch“. Nichts davon wäre ohne euch passiert.

Danke, dass ihr das für mich und für tausende Kolumbianerinnen und Kolumbianer möglich gemacht habt.


Unidos siempre somos más fuertes.

Nathalie

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