Wir sind gestern Morgen wieder mit den Gedanken bei den vielen Opfern aufgewacht und haben darüber gesprochen. Dabei sind wir auf ein Thema gekommen, das mich seitdem nicht mehr loslässt: der verlorene Wohnraum und alles, was daran hängt.
Die Stadt prüft gerade Haus für Haus, welche Gebäude überhaupt noch bewohnbar sind. Der aktuellste offizielle Stand, von gestern Abend: In Cali sind 46 Gebäude vollständig eingestürzt, 35 teilweise. 1.408 weitere haben strukturelle Schäden, und für 533 davon liegt inzwischen eine Räumungsanordnung vor. Wie schnell das wächst, sieht man daran: Vorgestern waren es noch 18 Gebäude, die geräumt werden mussten. Man muss dazu wissen, dass hier sehr viele Menschen in Hochhäusern wohnen. Hinter jeder dieser Zahlen steht also nicht eine Familie, sondern oft ein ganzes Haus voller Familien.
In unserem direkten Umfeld spüren wir das jeden Tag. Familien rücken zusammen und nehmen Angehörige und Freunde bei sich auf. Die Handys klingeln ständig, weil jemand nach einer freien Wohnung oder einem freien Haus fragt.
In unserem Wohnkomplex standen zwei Häuser leer, schon seit Monaten inseriert. Bis vorgestern. Die Tochter eines Cousins meiner Mutter sucht gerade händeringend eine Unterkunft, sie ist mit ihren zwei Kindern bei ihrem Onkel untergekommen. Wir haben sofort an die beiden Häuser gedacht und wollten vermitteln. Falsch gedacht, die sind natürlich längst vergeben.
Das macht mich nachdenklich, denn genau solche Situationen lassen sich mit Spenden leider nicht lösen. Die Folgen eines Erdbebens reichen so viel weiter, als man von außen denkt.
Noch ein Beispiel: Unsere Haushaltshilfe hat eine Tante, die ausschließlich für Familien arbeitet, die jetzt ihre Wohnungen verloren haben. Für sie gibt es damit von einem Tag auf den anderen keine Arbeit mehr. Wo niemand mehr in den eigenen vier Wänden wohnt, gibt es auch keinen Haushalt zu führen.
Je mehr Gespräche wir führen, desto deutlicher wird, wie weit diese Tragweite reicht. Fast unvorstellbar und doch vollkommen logisch.
Wir werden effektiver
Mit euren Spenden machen wir trotzdem weiter. Gestern haben wir wieder mehrere größere Einkäufe erledigt und beim „Centro de Acopio“, das wir inzwischen gut kennen, abgegeben.
Dabei lernen wir jeden Tag dazu. Bei unserer Apothekerin rufen wir jetzt vorher an, geben die Liste durch und bitten sie, alles schon nach Kategorien zu packen und zu beschriften. Das macht das Weiterverteilen an der Sammelstelle deutlich einfacher. Und bei Christian, der uns die Prozente gibt, lassen wir die Sachen zusammensuchen, während wir schon im nächsten Laden weitereinkaufen.
Zwischen zwei Stationen, im Auto, lesen wir die Nachrichten. In Indonesien hat ein Beben die Insel Flores getroffen, mit 7,7 sogar noch etwas stärker als unseres hier mit 7,4. In Spanien hat es Granada erwischt, dort zum Glück schwächer. In solchen Momenten wird mir wieder mulmig und ich fühle mich zurückversetzt an Montag. Aber wir machen weiter.
Als wir die Spenden abgegeben haben, haben wir beim Verpacken wieder mit angepackt.
Und danach haben wir uns einen Maiskolben vom Grill und ein Bier auf einem öffentlichen Platz gegönnt und einfach mal gelacht. Das muss auch mal sein.
Wie es mir geht
Heute geht es mir ehrlich gesagt nicht so gut. Ich glaube, ich werde krank, und ich bin erschöpft. Mal sehen, was der Tag noch bringt und was wir heute schaffen.
Danke
Ihr habt das Fünfeinhalbfache von dem möglich gemacht, was ich mir erhofft hatte. Geplant waren 1.000 Euro, inzwischen sind wir bei 5.500. Ich kann euch kaum beschreiben, was das hier bedeutet.
Danke auch an meine Cousinen Isabela und Manuela und an Sebastian. Ohne die drei hätten wir das nie so auf die Beine gestellt. Sie kennen sich hier bestens aus und wollten von Anfang an mit anpacken und etwas bewegen. Und danke an meine Mama, die uns ihr Auto und das Benzin zur Verfügung stellt. Noch wertvoller ist aber etwas anderes: Sie gibt die gemeinsame Zeit her, die wir eigentlich miteinander hätten.
Am Mittwoch geht es schon zurück nach Deutschland. Wenn ich daran denke, werde ich ziemlich traurig. Die Zeit ist mal wieder viel zu schnell vergangen. Umso mehr freue ich mich, dass wir hier so viel bewirken konnten.
Bis ganz bald, Nathalie
PS: Wir arbeiten daran euch bald die Liste zur verfügung zu stellen. Dazu werde ich dann einen gesonderten Post veröffentlichen.